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Bye bye, Petra Wassner!

©NRW.Global Business

Ein Interview über 20 Jahre Einsatz für die Wirtschaftsförderung und Standortentwicklung in NRW.

Seit 2001 ist Petra Wassner Geschäftsführerin der Landeswirtschaftsförderung NRW und hat den Standort international positioniert. Nun stellt sie sich neuen Herausforderungen.

  • Frau Wassner, als Sie im März 2001 zur Geschäftsführerin der damaligen Gesellschaft für Wirtschaftsförderung des Landes Nordrhein-Westfalen (GfW) ernannt wurden, waren weibliche Führungskräfte eher eine Seltenheit. Was bedeutete das für Sie im Arbeitsalltag?


Anfangs war es eine Herausforderung, sowohl intern als auch extern. Denn damals bewegte ich mich in einer absoluten Männerdomäne. Ich musste mir meine Position erst einmal erarbeiten, fachliches Know-how und faire Business- Gepflogenheiten waren dabei die kleinere Aufgabe. Folglich wurde Frauenförderung in Unternehmen ein Thema, für das ich mich engagierte. Auch bei NRW.Global Business sind Frauen gleichberechtigt in Führungspositionen in unserem Headquarter in Düsseldorf und in unseren 16 Auslandsbüros. Generell brauchen wir allerdings noch mehr Frauen in Top-Führungspositionen der Wirtschaft.

  • Wie hat sich Wirtschaftsförderung in den letzten Jahrzehnten gewandelt?

Wirtschaftsförderung muss sich stets den aktuellen wirtschaftlichen Entwicklungen und Herausforderungen stellen. Gleichzeitig ist sie durch Zeitgeist und Trends beeinflusst. Zu Beginn meiner Geschäftsführung war der Strukturwandel des Ruhrgebiets stark im Fokus. Im Land wurden Gründer- und Technologiezentren gefördert. Neben dem Investorengeschäft gehörte anfangs die Beratung von Existenzgründungen und Mittelstand zu unseren Aufgaben. Wir begleiteten die Landesregierung als Servicepartner bei der damaligen Gründungsoffensive GO! und der Mittelstandsoffensive Move. Zudem führten wir ein Sofortprogramm für KMUs in Krisen durch. Mit der Globalisierung der Wirtschaft wuchs auch der internationale Schwerpunkt der Wirtschaftsförderung. Dabei standen Japan und die USA als Märkte in Übersee im Mittelpunkt. Zu den ersten Ansiedlungen aus diesen Ländern gehörten übrigens Fujifilm, Mitsubishi Electric sowie 3M und der Teleshopping-Sender QVC. Auch die organisatorische Aufstellung der Wirtschaftsförderung wandelte sich. Die Gesellschaft für Wirtschaftsförderung des Landes NRW wurde 2007 zu NRW.INVEST und konzentrierte sich auf die Anwerbung und Ansiedlung internationaler Investoren. Nun standen neue Märkte wie China, Indien oder die Türkei im Zentrum, aus denen wir Investoren anzogen und Business Communities aufbauten. Selbstverständlich setzten wir aber auch auf Europa, insbesondere auf Benelux, Frankreich, Polen oder UK.

  • Zwei Jahrzehnte in der Geschäftsführung einer Landeswirtschaftsförderung sind eine ungewöhnlich lange Zeit – wie ist es Ihnen gelungen, so lange im Amt zu bleiben?

Das frage ich mich manchmal auch. Immerhin habe ich für sechs Wirtschaftsminister gearbeitet und zwei Regierungswechsel überstanden. Ein Land wie NRW ist wirtschaftlich und politisch vielseitig. Damit verbunden sind natürlich unterschiedliche Interessenlagen in Politik, Wirtschaft und Regionen. Es gab also Hochs und Tiefs in diesen 20 Jahren. Oft bedurfte es sinnvoller, sachorientierter Kompromisse. Also kurz gesagt war mein Erfolgsrezept die Kombination der 3 Ks: Mit Kompetenz, Kooperation und Kompromiss fachlich tragfähige Lösungen zu erzielen.

  • Wenn Sie heute zurückblicken, welche Impulse konnten Sie für den Wirtschaftsstandort NRW setzen?

Seit 2007 stand die Ansiedlung ausländischer Investitionen im Mittelpunkt unserer Aktivitäten. So konnten wir NRWs Position stärken und ausbauen. Heute sind wir der führende Investitionsstandort in Deutschland und einer der führenden in Europa. Der Schlüssel zum Erfolg war dabei der Aufbau unserer 16 Auslandsbüros, die mit lokalen Experten besetzt sind. Sie sind unser Auslandsarm für die Anwerbung von Unternehmen und in gewisser Weise auch unser Erfolgsgarant, da sie die Investoren direkt in den Zielländern ansprechen und beraten.

  • In Ihrer verantwortungsvollen Position sind Sie viel rumgekommen. Was waren ihre spannendsten Orte und Begegnungen? Sicher gab es doch auch besondere Ereignisse...

Natürlich bin ich beruflich sehr viel gereist. Spielten anfangs Europa und die USA eine große Rolle für mich, so erweiterte sich der Radius Richtung Asien. Japan, China und Korea sowie Indien wurden spannende Märkte für unser Geschäft. Mich faszinierten stets die pulsierenden Metropolen. Orte leben durch Menschen. Mir war es daher wichtig, Menschen zu begegnen; im Alltag, wie sie leben und arbeiten. Zusätzlich hatte ich das Privileg, auch Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik kennenzulernen. Ein besonderes Ereignis war sicherlich der Staatsbesuch in NRW von Präsident Xi Jinping und der First Lady Chinas Peng Liyuan 2014 mit Festbankett und Besuch des Duisport, als bedeutender Umschlaghafen der neuen Seidenstraße. Wenn ich zurückblicke lief bei meinen vielen Reisen natürlich längst nicht immer alles glatt. So hingen wir etwa 2010 aufgrund des Ausbruchs des isländischen Vulkans Eyjafjallajökull in Peking fest. Nach einer anstrengenden Delegationsreise kamen wir morgens zum Flughafen und trauten unseren Augen nicht, als wir auf der Anzeigentafel lasen: „All flights cancelled“. Wir wussten aufgrund der Zeitverschiebung von nichts. Das brachte natürlich alle Pläne durcheinander. Erst nach fünf Tagen ist es meiner Assistentin in Düsseldorf nach aufwändiger Recherche und unzähligen Telefonaten gelungen, die Rückreise für den damaligen Staatssekretär, einen Kollegen und mich zu organisieren. Letztlich flogen wir dann über Dubai, Athen und Mailand und fuhren von dort aus mit dem Wagen zurück nach Düsseldorf. Eine kleine Odyssee... aber naja, viele Wege führen nach NRW.

  • Wenn Sie auf 20 Jahre Geschäftsführung zurückblicken, was hat Sie an dieser Aufgabe gereizt?

Für mich war und ist internationale Wirtschaftsförderung eine der spannendsten Aufgaben. Und ich bin dankbar, dass ich so lange dabei sein durfte. Das lokale und das internationale Geschäft verbinden sich in dieser Aufgabe perfekt. Jedes Investitionsprojekt, in das ich eingebunden war, gab mir neue Einblicke in Unternehmen und Branchen. Als Standort haben wir uns oft behauptet, aber nicht immer konnten wir Investitionsprojekte erfolgreich abschließen, da uns entsprechend große Flächen oder auch Fördermittel fehlten. Um NRW zu vermarkten, mussten wir am Puls der Zeit sein. Neue Themen spielten international eine Rolle wie zum Beispiel Industrie 4.0, Elektromobilität, Künstliche Intelligenz, Cyber Security oder Erneuerbaren Energien. Da kam keine Langeweile auf, es gab stets neue Herausforderungen zu meistern.

  • Was erwarten Sie, wie sich der Wirtschaftsstandort NRW in Zukunft entwickelt? Wo sehen Sie Chancen?

NRW ist gut aufgestellt. Als Standort sind wir international zunächst nur in bestimmten Business-Communities wirklich bekannt. Wenn wir aber mit anderen deutschen oder westeuropäischen Standorten im Wettbewerb stehen, dann sind wir meist erfolgreich. Wir haben eine starke Industriebasis und einen starken Mittelstand. In Kombination mit einer starken IT-Branche sind wir für die Digitalisierung der Wirtschaft bestens aufgestellt. Dies gilt sowohl für die Vermarktung des Wirtschaftsstandorts NRW als auch bei der Markterschließung für unsere heimische Wirtschaft.

  • Wie geht’s persönlich für Sie weiter?

Ich werde als Expertin für internationale Standort- und Investorenberatung mein Know-how auch weiterhin in NRW einbringen. Eine Netzwerkerin werde ich definitiv bleiben, auch wenn die Möglichkeiten durch Corona aktuell eingeschränkt sind. Reisen und der internationale Austausch fehlen mir im Moment sehr. Damit verbunden ist natürlich der Wunsch, dass wir in naher Zukunft zur „Normalität“ zurückkehren können. Aber ich freue mich auch, bald mehr Zeit für meine Hobbies wie Golf, Yoga, Mode, Kunst, Kultur und Architektur zu haben.

  • Was wünschen Sie der Landeswirtschaftsförderung für die Zukunft?

Im November fusionierten NRW.Invest und NRW.International zu einer Gesellschaft. Die neue NRW.Global Business vereint Markterschließung, Investitionsanwerbung und Standortmarketing. Die Gesellschaft ist bestens aufgestellt mit einem professionellen und kompetenten Team und dem neuen Geschäftsführer Felix Neugart, der internationale Expertise mitbringt. Eine perfekte Basis für Erfolg.

  • Frau Wassner, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

An dieser Stelle möchte auch ich allen unseren Kunden, Partnern und vor allem meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Düsseldorf und weltweit von Herzen danken für die spannenden und erfolgreichen gemeinsamen Jahre!

 

Zur Person:

Petra Wassner ist seit 2001 Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landes Nordrhein-Westfalen. Bis 2007 war sie Geschäftsführerin der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung GfW, von 2007 bis 2020 der NRW.INVEST GmbH, welche gemeinsam mit NRW.International zum 1. November 2020 zur neuen Außenwirtschaftsförderungsgesellschaft NRW.Global Business GmbH zusammengeführt wurde.

Sie arbeitet seit mehr als 25 Jahren in der Wirtschaftsförderung. Die Diplom-Politik- und Sozialwissenschaftlerin war zuvor in verschiedenen Positionen für das Land Nordrhein- Westfalen tätig. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit lag zunächst auf der Förderung kleiner und mittlerer Unternehmen sowie den Themen Existenzgründung, Unternehmensnachfolge und Unternehmensrestrukturierung. Als Expertin für Konzepte und Handlungsstrategien der Wirtschaftsförderung, hat sie ein Weiterbildungsprogramm und ein berufsbegleitendes Studium für die Wirtschaftsförderung initiiert.

Im Rahmen der Globalisierung der Wirtschaftsförderung baute sie das Netz der internationalen Auslandsniederlassungen für NRW auf und entwickelte den Standort Nordrhein- Westfalen zum Investitionsstandort Nr. 1 für internationale Investoren in Deutschland.

Von 2007 bis 2018 war sie Vorsitzende des Marketingbeirates der Germany Trade and Invest GmbH (GTAI) und Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft der Wirtschaftsförderungsgesellschaften der Bundesländer (AGWFB). Sie wirkte am Aufbau des Foreign Direct Investment (FDI) Reporting für Deutschland maßgeblich mit. Sie ist erfahren in internationalen Akquisitions- und Ansiedlungskonzepten sowie Standortmarketingstrategien. Aufgrund ihrer mehr als 25-jährigen internationalen Arbeit verfügt sie über Länderkenntnisse und ein internationales Netzwerk zu Wirtschaft und Politik.

Im September 2016 wurde sie mit dem National Friendship Award der Volksrepublik China für ihr 15-jähriges Wirken zum Ausbau der chinesisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen ausgezeichnet.